Fragen & Irrtümer

Fragen & Irrtümer

Die zwei Antworten, die ich am häufigsten gebe:
Nein, ich lese nicht vor.
Ja, ich kann davon leben.

Fragen

Weil ich gerne am Spinnrad sitze, liebe ich auch die vielen Verbindungen, die es in unserer Sprache zwischen Wolle und Erzählen gibt:
Der rote Faden einer Geschichte, den Faden nicht verlieren, Geschichten spinnen, sich einspinnen, sich ausspinnen (im Dialekt), Entwicklung und Abwicklung eines Knäuels, Text und Textiles und vor allem das oft gehörte „du spinnst!“ für fantasievolle Menschen.
Die Assoziation zu Frau Holle ist Absicht, denn diese sehr bekannte Märchenfigur ist eine Erscheinungsform der großen alten Unterweltsgöttin Hel/Hella.

Wer einmal dabei war, wird sich daran erinnern: Mein Beginnritual beim Erzählen besteht darin, einen roten Wollfaden auf den Boden um das Publikum zu legen. Dabei mache ich aus einer zufälligen Gruppe einen spürbaren Zuhörkreis. Nach dem Erzählen wickle ich das Knäuel wieder auf.

Dass ich mich auf Erwachsene spezialisiert habe, beeinflusst die Auswahl meiner Geschichten und meinen Stil.
Ich bin überzeugt davon, dass sich Menschen ein ganzes Leben lang entwickeln und dass Märchen bei diesen Entwicklungen hilfreich sind.
Für mich ist die Fantasie wie ein Körperteil, der sich nach Bewegung sehnt. Wer Märchen hört, kann die eigene Vorstellungskraft stärken, kann die Fantasie tanzen und fliegen lassen.
Die starke, mächtige und reiche Symbolsprache alter Geschichten spricht zu einem Anteil, der bei uns Erwachsenen allzuoft vernachlässigt wird. Das Hören von Märchen stillt gerade bei Erwachsenen einen großen Hunger und ist meiner Meinung nach zutiefst not-wendig.

Teilweise ja, bei der Übersichts-Beschreibung der Bücher habe ich erwähnt, wie viele Märchen ich jeweils für Kinder ab sieben Jahren geeignet halte.
Die Adventkalender empfehle ich erst ab 13 Jahren.

Wie kann ich etwas Unsichtbares wie das Erzählen und Hören von Märchen durch ein Symbol darstellen?
„Der Seelenvogel“ ist ein Bild, das mich berührt, deshalb habe ich die von Almuth Mota gemalten Vögel aus „Königin Herzenslust“ als Bilder auf meiner Website gewählt. So wie die Vögel fliegen auch meine Worte zu den Zuhörer*innen und die Weite des Himmels kann sich dabei öffnen.
In vielen der Märchen, die ich erzähle kommen Vögel vor – sprechende Raben, verzauberte Schwäne, ein mächtiger Bulbul, eine singende Amsel, ein listiger Distelfink.
Seit ich mit dem Biologen und Vogelkundler Manfred Föger Spaziergänge anbiete, bei denen wir Biologie und Märchen verknüpfen, sind es noch mehr geworden.

Ein Wintergoldhähnchen

Von links nach rechts:
Die Küstenseeschwalbe bei „Jetzt“. Sie fliegt am weitesten – jedes Jahr von der Arktis in die Antarktis und dann noch einmal um die Antarktis herum.
Der Kranich mit Krone bei „Angebote“. Wer Märchen hört, kann sich wie eine Königin und ein König fühlen.
Der Eisvogel beim „Kalender“, weil er so bunt ist wie meine verschiedenen Auftrittsorte und -anlässe.
Die Goldamsel beim „Webshop“, weil ich auf diese Weise meine goldenen Märchenschätze teile.
Das Wintergoldhähnchen bei „Über mich“, weil es der kleinste Vogel ist und Spinnwebfäden in ihre Netze einbaut.
Der Buchfink bei „Bücher“ – ganz einfach, weil er „Buch-Fink“ heisst.

Durch Wissenschaft & den Zufall
Ich habe am Ende meines Studiums (vergleichende Literaturwissenschaft) meine Abschlussarbeit über Märchen geschrieben. Bei einem Vortrag über Märchen wollte ich eines vorlesen. Dann habe ich das Buch daheim vergessen und musste stattdessen frei erzählen, damit der Vortrag noch verständlich ist. Die Theorie fanden die Zuhörer*innen interessant, das Märchen aber hat sie begeistert.

Durch Vorbilder & Meister*innen
Bei einem Auslandssemester in Ghana habe ich eines Abends in der Bibliothek meines Professors Dr. Kwadwo Opoku Agyemang gewartet um meine Studien mit ihm zu besprechen. Dabei konnte ich lauschen und sehen, wie er seine Kinder mit einer höchst lebendig erzählten Geschichte ins Bett brachte. Das hat mich so sehr inspiriert!
Ich habe das Erzählen auch in einigen Kursen bei verschiedenen Erzähler*innen gelernt, vor allem aber durchs Zuhören und durchs Tun.
Ich lerne bis heute immer noch dazu, besuche Kurse und bin oft als Zuhör-Reisende unterwegs.

Durch Wünsche & Wirklichkeit
Meine drei Wünsche an meinen Beruf waren (und sind):
Etwas tun, das mir und anderen Freude macht,
eine interessante und abwechslungsreiche Arbeit,
etwas Sinnvolles in die Welt tragen.

aus dem Buch „Königin Herzenslust“

Die häufigsten Irrtümer

… Das freie lebendige Erzählen unterscheidet sich wesentlich vom Vorlesen aus einem Buch. Weil wir aber den Begriff „Lesung“ gewohnt sind, wird es manchmal verwechselt. Zu sagen ich würde lesen ist ungefähr so, als würde man einer Geigerin sagen, sie sei ein DJ.

… Ich erzähle keine selbergeschriebenen Märchen, sondern wähle mit Sorgfalt alte Volksmärchen. Dabei werde ich zur schatzsuchenden Wissenschaftlerin, suche oft lange mehrere Quellen und forsche gründlich.

… Mit diesen alten Stoffen gehe ich sehr frei um, kleide die alten Geschichten in meine eigenen Worte. Ich lerne nichts auswendig, sondern erzähle „innwendig“, das heisst frei und mit immer neuen, anderen Worten.

… Märchen sind keine Lügen. Dass Märchen und Mythen in unserer Alltagssprache mit Lügen gleichgesetzt werden schmerzt mich. Denn Märchen bilden in starken Symbolen komplexe Dinge mit einer Genauigkeit ab, die der rationalen Sprache oft überlegen ist. Auf diese Weise sind sie wahrer als die sogenannte „Wahrheit“.


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